#COWORK2019 in Mannheim: Bericht vom geliebten Familientreffen

Letztes Jahr, auf der Cowork2018 in Bremen, hat jemand gesagt, dies sei die einzige Veranstaltung im Jahr, auf der man endlich mal nicht ständig erklären müsste, was „Coworking“ überhaupt ist. Nun sitze ich an meinem Blog-Beitrag zur #COWORK2019 von Mannheim und überlege ernsthaft: Was also ist „Coworking“?

Die einen, die mit dem meistens vielen Geld, interpretieren es als „Office as a Service“. Das soll Unternehmen flexiblere sowie kostensparende Büroflächen schaffen und lässt also auf Renditen hoffen. Auch diese VertreterInnen gab es auf der #COWORK2019. Ich halte es mit den anderen: Coworking als ein verdammt cooles „Arbeitskultur“-Angebot, um das Arbeits- wie Lebensgefühl zu verbessern. @Isarmatrose Tobias Kremkau spricht von einer „neuen Kultur des Miteinanders“. Mein Ding!: Die Gefühlswelten Arbeitender aufzuhellen und gleichzeitig Möglichkeiten zu schaffen, Kompetenzen zu erweitern, diese zu verknüpfen und so neues Business zu kreieren! Die „neue Arbeitswelt“ in Zeiten von Digitalisierung und Globalisierung braucht #DritteOrte, wie etwa Coworking Spaces, meint nicht nur @Isarmatrose.

Weil viele am vergangenen Wochenende in Mannheim und Heidelberg so tickten, war auch die #COWORK2019 wieder ein wahres Fest unserer wachsenden Coworking-Familie. Tief ziehe ich meinen Hut vor den COWORK2019-Machern von C-Hub und breidenbach studios und natürlich vor den ehrenamtlich Wirbelnden der German Coworking Federation (GCF). Merci!

Schon der Freitagabend war ein echter Leckerbissen. Das lag an den Wiedersehen mit guten Freunden und an den Keynotes von Markus Albers und Anja C. Wagner. Mag sein, dass manche „Antithese“ von Markus auf Krawall gebürstet gewesen sein mag. Aber so hat er nicht nur die nötige Aufmerksamkeit bekommen. Ich stimme ihm in vielen Punkten zu: Auch unser gut gemeintes Treiben in der Salti schlagenden Arbeitswelt der Digitalisierung und Globalisierung müssen wir (selbst)kritisch hinterfragen: „Ist das wirklich alles gut für uns?“ Oft wird von der Selbstausbeutung im Kontext der „digitalen Erschöpfung“ auf dem Weg zum Burnout gesprochen. Aber diskutieren wir es auch schon genügend in Sachen Löhne, Beschäftigungsverhältnisse, soziale Sicherung? Eine Bemerkung in Markus‘ Keynote hat mich besonders überrascht und nachdenklich gemacht: Sind wir tatsächlich beim Thema „Future of Work“ die „Vorreiter“? – Wenn wir wirklich „die da ganz vorne dran“ sind, denen angeblich sogar die Unternehmen folgen; müssen wir dann bei diesen Themen nicht noch lauter, mit einer starken gemeinsamen Stimme, sprechen?

Auch die zweite Keynote hat meine Gedanken in diese Richtung gelenkt. Anja C. Wagner zeigte lichterloh brennende Aufgaben für Bildung und Weiterbildung in unserer Gesellschaft auf. Wo aber sind die Lösungen, die wir im richtigen, täglichen Leben brauchen? Anja C. Wagner fordert ein „Bedingungsloses Lernguthaben“. Das unterstütze ich, wie ich seit Jahren das „Bedingungslose Grundeinkommen“ für richtig halte. Aber kriegen wir das hin? Welche gesellschaftlichen Verhältnisse müssen herrschen, damit beides Wirklichkeit werden kann?

Wenn auf einer COWORK Barcamp angesagt ist, dann gibt es auch ein waschechtes Barcamp! Die Coworker der #COWORK2019 haben sich wieder als wahre Meister des Teilens und der Offenheit erwiesen. Super!! Ein Barcamp vom Allerfeinsten also gab es am Sonnabend. Der Session-Plan war ruck-zuck voll, Themen wurden angesichts der vielen Vorschläge zusammengelegt und es wurde am Plan sogar noch eine zusätzliche Spalte drangeschweißt…

Erste interessante Erkenntnisse brachte die Vorstellungsrunde: Da waren also Teilnehmende aus Bulgarien, Deutschland, Österreich, Russland, Schweiz, USA… dabei. Und als Trend-Thema kristallisierte sich rasch „Coworking in ländlichen Regionen“ heraus. Gefühlt jeder fünfte Teilnehmende stellte sich auch mit einem derartigen Hastag vor, und bei jeder erneuten Nennung wurde das zustimmende „Yeah!“ darauf aus dem Publikum ein bisschen lauter. 😉

Ich hatte als Vertreter des Ammersee Denkerhauses eine Session zu „Coworking Spaces im ländlichen Raum als Pendlerstationen“ vorgeschlagen: Ticken solche Spaces anders? Brauchen wir dazu Corporates, die sich in derartigen Projekten engagieren?… Sofort war mir Markus von der BASF zur Seite gesprungen, der aus Unternehmensperspektive ebenfalls eine solche Session vorschlagen wollte.
Wir haben also unsere Session gemeinsam mit gut 30 Teilnehmenden durchgezogen.

Dabei trugen wir zusammen, welchen Nutzen Coworking-Pendlerstationen Pendlern, Unternehmen und den Spaces selbst bieten. Für mich war der Debattenpunkt besonders interessant, ob dabei Corporates als „Dauerkunden“ zwingend nötig sind. Anderer Diskussionspunkt war die Rolle der Pendler selbst: Wann sind sie z.B. bereit, einen Platz in einer Coworking-Pendlerstation zu nutzen und dafür auch zu bezahlen? Hier konnte ich erste Ergebnisse unserer Pendlerbefragung vom Ammersee-Westufer einbringen. Meine Lessons Learned aus der großartigen Session: 1. „Mission possible!“ 2. Corporates sind wichtig, aber man ist besser beraten, sein Projekt nicht vom Segen einer oder mehrerer Pauschalbuchungen der Großen abhängig zu machen. 3. Viel wichtiger ist die direkte Gewinnung der Pendler selbst. 4. Die Frage nach der Rolle von Kommunen haben wir auch andiskutiert: Erkennen sie das große Potential derartiger Angebote und engagieren sie sich tatsächlich? 5. Ich nehme mit: An allen Flanken – Unternehmen, Pendler, Kommunen – muss Aufklärungsarbeit geleistet werden und müssen wir mit guten Konzepten und unwiderstehlichen Spaces überzeugen… (Danke an dieser Stelle allen Session-Teilnehmenden und meinem Co-Session-Geber, Markus!)

Vier (leider nur vier…) Sessions von 26 angebotenen konnte man als emsiger Barcamper am Samstag besuchen. Ganz dem „Trend ‚Coworking auf dem Lande‘“ folgend habe ich noch die beiden Sessions „Urban Space + Rural Space: Filiale, Ableger Franchise…“ sowie „Dorf-Büro Initiative Rheinland-Pfalz“ besucht. Zuvor habe ich aber bei der Open-Air-„Fuck-up“-Runde von Sven mitgemacht: ein höchst interessantes Format, bei dem man über seine gemachten Fehler und die daraus gezogenen Lehren spricht. Spannend!

Besonders in Erinnerung bleibt mir Annikas Session über die „Dorf-Büro“-Initiative in Rheinland-Pfalz. („Dorf-Büro“, was für ein schaurig schöner Name…! 😉 ) Hier werden in einem Bundeslandprogramm Kommunen eingeladen sich mit Coworking-Projekten um Landesförderungen von jeweils 25.000 EUR zum Start sowie 25.000 EUR insgesamt für die ersten drei Betriebsjahre zu bewerben. Wir haben uns über die Details des Förderprogramms schlau machen lassen und natürlich viel diskutiert. Vor allem ging es um den Nutzen und damit um die Motivation von Gemeinden teilzunehmen. Wir haben uns zur COWORK2020 wieder verabredet um zu erfahren, wie das Programm angelaufen ist und vor allem, welcher nachhaltige Effekt sich abzeichnet. Für mich stellt sich auch die Frage, ob solche Programme nicht auch kleinformatiger, z.B. im Landkreis-Format möglich wären. 

Was gibt es noch zu erzählen von der COWORK2019? Die breidenbach studios in Heidelberg (so eine Art Coworking Space vor allem für KünsterInnen) hatten zur Samstagnachtparty eingeladen. Am Sonntagvormittag konnten Teilnehmende das Angebot vom SAP AppHouse Heidelberg nutzen, in einem phantastischen Workshop Kreativ-Werkzeuge kennenzulernen und auszuprobieren. Danke sehr für beide Angebote!

 

Erwähnenswert finde ich auch die auf der Mitgliederversammlung der German Coworking Federation (GCF) angestoßene Diskussion zur weiteren Entwicklung und Professionalisierung der GCF. Warum sind noch nicht mehr Coworker bzw. Space-Betreiber dabei? Auch aus unserer Region habe ich die Gleichgesinnten vermisst. (Da muss wohl mal über ein regionales GCF-Netzwerk nachgedacht werden…) Aus dem Sinn gehen will mir auch nicht die überraschende Information, in der Pipeline befinde sich die Erarbeitung einer DIN-Norm für die Share Economy. Immerhin: Die GCF ist vom DIN-Norm-Institut zur Mitarbeit eingeladen. Fragt sich, braucht es eine DIN-Norm für Coworking und droht hier ein bürokratisches wie monetäres Monster…? Oder kommen wir so an Leitplanken zur Beantwortung der ewig währenden Frage: „Was ist eigentlich Coworking?“

Die #COWORK2020 findet vom 24. bis 26. April 2020 in Erfurt statt. Knoten ins Taschentuch!!

3 Kommentare

    • Klingt gruselig, stimmt. Vielleicht brauchen Corporates das, um Plätze bei dann „zertifizierten“ Coworking Spaces kaufen/mieten zu können. Für kleine Spaces sicher ein teurer, monströs aufwändiger Act… Schau’n mer ma!
      Zur Pendlerbefragung: Ja, wir haben ein Stimmungsbild gewonnen, mit durchaus interessanten Ergebnissen. Überlege noch, wie wir das „kommunizieren“. Ist aber wichtig, denn auch die #COWORK2019 und Ereignisse danach haben deutlich gemacht: Wir müssen viel lauter und verständlicher das Thema Coworking in die Welt „schreien“.

  1. Pingback: Ammersee Denkerhaus mittendrin bei COWORK2019 – Ammersee Denkerhaus

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