Frischzellenkur für die Provinz

Leider sind lokale Blogs rar. Das Schondorf.Blog von Leopold Ploner ist eine rühmliche Ausnahme. Leo schreibt gut und überrascht immer wieder mit originellen Geschichten aus unserem Bauernsee-Mikrokosmos.

„Büro mit Aussicht“ hat er einen Blogbeitrag überschrieben, in dem er von einer seiner Meinung nach „brillanten Idee“ berichtet. Ein Schondorfer, „Plastiker & Kalligraph“, hat sich eine Jahreskarte für die Ammersee-Ausflugdampfer gekauft, um im schwimmenden Büro umherdampfend sein täglich‘ Brot zu verdienen. Leos traumhafte Rechnung: 189 EUR kostet eine Dauerkarte für die Fahrenszeit von Mitte April bis Mitte Oktober – davor und danach halten die Dampfer leider einen 6-monatigen Schönheitsschlaf. So komme man auf 32 EUR pro Monat. Für diesen Betrag sei „sonst nirgends rund um den Ammersee auch nur eine Besenkammer“ drin. Und schließlich lobt Leo die Schiffsgastronomie als Pluspunkt für das schwimmende „Büro mit Aussicht“.

Treffend schreibt er in diesem Zusammenhang von der schwierigen Situation der Freiberufler und Selbständigen, in unserer Region einen passenden Platz zum Arbeiten zu finden. Büroräume zu mieten sei für viele Freiberufler schlicht zu teuer, und Arbeitsplätzen am heimischen Küchentisch drohten Ablenkungen „an allen Ecken und Kanten“. Für die verbleibende Option, „geteilte Büros“, schließlich sei das „Angebot recht beschränkt“; am Ammersee-Westufer fällt ihm nur das Ammersee Denkerhaus – Coworking Space ein.

Natürlich habe ich den Blogbeitrag durch meine Brille als Mitgründer und -betreiber des Ammersee Denkerhaus – Coworking Space gelesen. Ich will hier nicht „nachrechnen“, wie sich der fantastische Monatspreis von 32 EUR entfaltet, wenn man einfach mal 3 Tassen Kaffee und 1 Liter Mineralwasser der Bordgastronomie pro umherschippernden Arbeitstag dazurechnet. Ich gehe auch nicht näher darauf ein, was die hübschen Dampfer für professionelles Arbeiten zu bieten haben. Flexibel Arbeitende brauchen nicht nur WLAN und (Schreib)tisch, sie brauchen mindestens auch Strom, viele suchen darüber hinaus Drucker, Kopierer, Besprechungsraum, zunehmend Möglichkeiten für Telefon- und Videokonferenzen. Über konzentriertes Arbeiten oder den Anschluss an eine Community muss in diesem Zusammenhang auch zwingend gesprochen werden.

Digitalisierung: Arbeitswelt im kompletten Wandel

Was die herrlichen, den Ammersee umrundenden Dampfschiffe von all dem anzubieten haben, ist heute nicht mein Diskussionspunkt. Mich treibt eine andere Frage: Warum sind in unserer Region eigentlich die „Möglichkeiten geteilter Büros“ tatsächlich so beschränkt, wie Leo schreibt?

Wirtschaftlich eigenständige Coworking Spaces sind erst ab einer gewissen Größe rentabel. Selbst Großstadt-Spaces müssen jede Menge Shared Desks verticken und sind dennoch erst dann profitabel, wenn sie darüber hinaus Eventflächen vermieten können und Einnahmen aus gastromischen Angeboten – der berühmte Kaffee! – generieren. Das ist im ländlichen Raum, zugegeben, überhaupt nicht einfach. Mancher Freund und Kollege in der German Coworking Federation ist gar der Meinung, Coworking auf dem Lande sei als Business schlicht nicht möglich. Wo sollen da also „Möglichkeiten geteilter Büros“ am Ammersee herkommen?

Unser Ammersee Denkerhaus erwirtschaftet seit seinem Start 2013 die marktübliche Miete und den ganzen Sack voll Nebenkosten. Diesen Haufen Geld haben wir, weil wir unser Denkerhaus „ehrenamtlich“ betreiben und jeder, wirklich jeder, brav für seine Nutzung bezahlt. Anders hätten wir unter den hier herrschenden harten Bedingungen keine Chance.

Ich bin aber zuversichtlich, dass es in nächster Zeit neue „Möglichkeiten geteilter Büros“ im ländlichen Raum geben wird, die über Modelle wie unser aktuelles, „philanthropisches“ hinausgehen werden. Denn unsere Arbeitswelt ist dank Digitalisierung im Wandel. Viele Tätigkeiten – viel mehr, als sich heute noch so mancher vorstellen mag – verändern sich dramatisch. Jobs werden überflüssig, neue Jobs entstehen, jede Menge von Tätigkeiten (Experten sprechen von über 50%) lassen sich örtlich wie zeitlich ungebunden erledigen.

Diese Entwicklung eröffnet für den ländlichen Raum echte Chancen: In den peripheren Schlaförtchen der Metropolen lebende Beschäftigte könnten doch auch am Wohnort schaffen, neue BürgerInnen können ihre Arbeit mitbringend „zuziehen“. Vom aufblühenden Arbeitsleben im Luftkurörtchen würden viele profitieren.

Bislang wird in der Öffentlichkeit noch nur das „Recht auf Homeoffice“ diskutiert. Klar, dass es darüberhinausgehend um ein „Recht auf flexibles Arbeiten“ mit allen Konsequenzen gehen muss. Hier steckt ein riesiges Potential für ländliche Regionen drin; für die Work-Life-Balance der Menschen, für eine Frischzellenkur der Provinz, für deutliche Entlastungen im Pendlerverkehr, im Druck auf den Wohnungs- und Büromarkt der Städte.

Wenn das besser verstanden wird, von den arbeitenden Menschen selbst, von den Unternehmen in Stadt und Land, wie von den Lokalpolitikern, können wir auch am Ammersee endlich dazu kommen, gezielt „Möglichkeiten geteilter Büros“ zu schaffen. Noch aber ist die Bedeutung dieser Angebote für eine neue Arbeitswelt nicht erkannt. In welcher Ammersee-Gemeinde, in welchem Landkreis, in welcher Regierung, wird heute z.B. über Wirtschaftsförderung in diesem Kontext gesprochen und wo widmet man sich dabei entschlossen der Schaffung innovativer Ansätze für flexibles Arbeiten wie Coworking Spaces? Gefragt sind ausdrücklich auch Unternehmen, die im Wettbewerb um die vermeintlich so wenigen vorhandenen Fachkräfte endlich ihre angestaubte Kultur wie Struktur updaten werden. Da muss und wird sich also etwas tun, auf der kleinen persönlichen wie lokalpolitischen Bühne, genauso wie auf der großen politischen.

Ich bin froh, dass inzwischen auch meine Freunde in der German Coworking Federation Forderungen an die „große Politik“ formulieren. Ulrich Bähr, Projektleiter bei der Heinrich-Böll-Stiftung Schleswig-Holstein und federführend für das Projekt CoWorkLand verantwortlich, hat das z.B. am 5. Juni bei einem Fachgespräch „Coworking auf dem Land“ im Bundestag getan. Ich unterstütze das völlig, es ging da vor allem um 3 wesentliche Punkte: 1. „Recht auf Arbeiten wann und wo ich will“; 2. „Coworking-Pauschale“; 3. „Neue Förderprogramme“.

Beim „Recht auf Arbeiten wann und wo ich will“ soll die aktuelle Diskussion um ein „Recht auf Home-Office“ dem wahren Leben angepasst werden. Der jetzige Ansatz greift zu kurz. Arbeit der Zukunft ist divers und eben nicht an den heimischen Herd (passt ja eigentlich auch wieder irgendwie…) zu ketten. Der neue gesetzliche Raum muss den Menschen Spielraum geben, die „Arbeitsort-Kompetenz der ArbeitnehmerInnen“ gestärkt werden, wie Uli Bär formuliert. Jeder weiß doch selbst am besten, unter welchen Bedingungen für sich arbeiten gelingt.

Das Thema „Coworking-Pauschale“ ist ebenso bedeutsam und kann zugleich ein Hebel im Klimaschutz werden. Heute setzen Pendler ihren Arbeitsweg von der Steuer ab, hören sie auf zu pendeln und arbeiten etwa am Wohnort, müssen die Kosten für den Coworking-Arbeitsplatz selber getragen werden. Ist das gerecht? Ist das zeitgemäß? Ist das im Sinne des Klimaschutzes? Die jetzige Regelung belohnt vergleichsweise umweltschädliches, bestraft geradezu ressourceneffizientes und familienfreundliches Verhalten. Außerdem müssen bestehende Homeoffice-Regelungen auf den Prüfstand und angepasst werden, so dass z.B. auch nicht-Haupt-Arbeitsorte anrechenbar sind. Soll Coworking auf dem Land funktionieren, müssen Änderungen her. Das geht und das geht auch schnell – wenn der Wille dafür da ist.

Kursänderungen sind auch beim Thema „Neue Förderprogramme“ nötig und rasch möglich. Wie kompatibel sind denn die bestehenden Programme mit der sich grundlegend verändernden Arbeitswelt? Gefördert werden vor allem große Investitionen in Baumaßnahmen. Das neue Gewerbegebiet auf der grünen Wiese am Ortsrand ist „gestern“. Wer ein Coworking-Space im ländlichen Raum gründet, braucht vor allem Finanzierungshilfen für Personal- und Betriebskosten, um den Space anzuschieben und zum Nutzen der ganzen Gemeinde zu betreiben. Erkennt man wirklich an, dass ländlicher Raum mehr ist als Land-, Forst-, Fischerei- und vielleicht auch Tourismuswirtschaft, muss man sich nun endlich mit smarten Förderansätzen befassen. Fördern wir doch z.B. die Kosten von Arbeitsplatzmieten in Coworking Spaces!

In Berlin, in den Bundesländern, natürlich auch in den Kreistagen und Gemeinderäten der Ammersee-Region wird es Zeit, sich mit dem Thema „Zukunft der Arbeit“ zu befassen. Möglichkeiten für „geteiltes Arbeiten“ bei uns zu schaffen, ist eine wunderbare Aufgabe. Das Ammersee Denkerhaus kann mit Fug und Recht als Pionier für „Coworking auf dem Lande“ bezeichnet werden. Bundesweit ist es als ein „Leuchtturm“ in der Coworking-Szene bekannt und auch anerkannt, nicht zuletzt durch Projekte wie das Innovationsforum BIGHub. Schon längst steht es am Anstoßpunkt zu einem begeisternden Heimspiel bereit, bei dem wir hier alle gewinnen werden.

2 Kommentare

  1. Lieber Hannes, ein exzellenter Beitrag, bei dem ich jeder einzelnen Aussage zustimmen kann, speziell dieser hier: „Gefragt sind ausdrücklich auch Unternehmen, die im Wettbewerb um die vermeintlich so wenigen vorhandenen Fachkräfte endlich ihre angestaubte Kultur wie Struktur updaten werden.“
    Da sehe ich leider aktuell noch kaum Bewegung. Wenn ich mich im Freundeskreis umhöre, scheint die Entwicklung momentan eher in die Gegenrichtung zu gehen. Manche Unternehmen, die dem Home Office aufgeschlossen gegenüberstanden, rudern wieder zurück und setzen auf mehr Anwesenheitspflicht in den Büros.

  2. Dr. Susanne Lücke 27. Juni 2019 um 8:31 Antworten

    Arbeiten wo und wann ich will?. Home office – wunderbar! Der Nachteil: es verlangt vom home worker eiserne Disziplin, von der allerdings auch Coworking nicht befreit (Kollegen verstehen sich auch gut aufs Ablenken!).

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